Die Angst in den Augen

Es gibt Momente, da möchte man einfach nicht da sein, wo man ist. Weil man zum Beispiel ganz allein ein Kostüm trägt, während alle anderen in normaler Kleidung gekommen sind. Weil man der einzige ohne Geschenk ist. Oder aber, weil man dachte, man schafft es noch über die Schienen bevor der Zug anrollt.

In diesem Falle dachte ich aber eher an den gefürchteten Besuch beim Arzt…

Von gaia-health.com

Oh nein…

 

Anfangs ist ja alles noch in Ordnung. Man geht in die Praxis, und da ist das Wartezimmer mit dem Spielzeug. Man redet mit den Schwestern, während das Kind mit den vielen Spielsachen herumtobt und die anderen Kinder mitspielen. Ich frage mich, ob sie hier schon ahnt, dass etwas nicht stimmt. Die Schwester kommt und sagt “Sie können dann reingehen.”

Man schnappt sich sein Kind, führt es durch die Praxis bis zur Behandlungsraumtür. Plötzliches Klammern am Bein, und der Wunsch hochgehoben zu werden. Kaum, dass man das Zimmer betritt weiten sich die kleinen Augen, und die Angst ist zu sehen. Da ist der Drehstuhl, da die Bücher, die Liege und… oh nein…

Sie wissen nicht genau, was passiert, aber sie wissen: hier wurde mir weh getan. Und niemand hat etwas dagegen getan. Ich will hier raus.

Ich setze meine Tochter auf die Liege, und sie sitzt für 3 Sekunden still, ruft dann “Papa, runter!”, und kaum, dass sie den Boden berührt, beginnt sie zu laufen und sagt “Komm Papa, heim fahren.” Aber es geht nicht, sie muss bleiben. In den folgenden 5 Minuten dehnt sich die Zeit zu einer Ewigkeit. Im kaum abschwellenden Heulen, als ich sie hochhebe, höre ich ungesprochene Vorwürfe: “Ich will nach Hause, lass uns hier schnell weggehen!” “Papa, ich habe Angst, BITTE lass uns gehen.” “Warum hältst Du mich fest, Papa, ich mag nach Hause.” “Können wir wenigstens Mama holen?” “Oh nein, Papa, da ist der Mann der mir weh tut!”

Der Arzt sagt mit, ich solle mich mit Töchterchen auf den Stuhl setzen, es gibt nur eine Spritze, es ist die letzte für die nächsten 5 Jahre, und sie kommt in den Oberarm, damit sich die Kleine festhalten kann. Und als ich mich setze wird das Geheul zu gewaltig. Ich halte mich sowohl an ihr fest, wie sie sich an mir. Und ich höre ihre Stimme durch das Weinen und Schreien.

“Papa, der Mann will mir schon wieder weh tun. Halt ihn auf, Papa! BITTE! Er kommt näher, und er hat so ein spitzes Ding in der Hand, Papa, bitte steh auf, BITTE steh auf, er will mir weh tun, warum hilfst Du mir nicht, Papa beschütz mich doch!”

Ich weiss, dass es gut für sie ist, und ich weiss, dass es das letzte Mal ist, aber ich weiss nicht, ob ich an diesen Moment zurückdenken kann, ohne mich dafür zu schämen. Wenn sie das nächste Mal geimpft wird, wird sie es besser verstehen, und sie wird auch vermutlich nicht mehr wissen, dass Mama und Papa sie fünf Jahre zuvor nicht beschützt haben. Aber ich weiss es. Und ich wünschte mir, ich wüsste es nicht.

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